Karina Lotz – WortRaum. Erzählungen

Book Cover: Karina Lotz - WortRaum. Erzählungen
Editions:Paperback (Deutsch) - WortRaum. Erzählungen
ISBN: 978-3-946112-00-6
Pages: 108

Die Erzählungen von Karina Lotz sind sowohl dramatisch als auch in sich gekehrt und pulsieren stets mitten aus dem Leben heraus. Große Themen werden angesprochen: Freiheit, Liebe, Verlust, Zeit. Über allem aber erstrahlt immer eine große Leidenschaft für das geschriebene Wort. WortRaum berührt tief und bewegt. (Niels-Johannes Günther, Stuttgart)

Preis: 9,00 €

Published:
Publisher: edition federleicht
Genres:
Reviews:Dana Polz schreibt:

WORTRAUM – Rosa ist das neue Tiefseeblau.
Wortraum erschlägt. Hätten die Farben Rosa und Pink ein Kind gezeugt, so würde deren pubertäre Tochter den Einband des von Karina Lotz verfassten und veröffentlichten Erzählbandes schmücken. Wem dieses Buch ins Auge fällt – dünn, grell, dessen verschobener, in sich zerpflückter Titel rein optisch unweigerlich an Kindergeburtstage oder amerikanisches Kaugummi erinnert – erwartet poppige, grelle Geschichten. Er erwartet Großstadtfrauen Anfang dreißig, blondgefärbte Sekretärinnen, die ihren Alltag – koste es, was es wolle – auf High-Heels bestreiten und ihre Bildung nicht etwa aus der BILD, sondern aus einschlägigen Modemagazinen beziehen. Er erwartet folglich, Einblick in das lächerliche, mädchenhafte, anödend naive Gefühlsleben einer solch – selbstverständlich-schmucken Großstadtfrau zu erhalten, das sich auf die drei existenziellen Themen Louis Vuitton, Traumprinz und Blümchensex beschränkt, traditionell begleitet vom attraktiven, besten, aber leider homosexuellen Freund (der sich ansonsten als Traumprinz perfekt anbieten und dem Trauerspiel um einiges rascher ein Ende bereiten könnte) und der noch attraktiveren, heimlich beneideten besten Freundin, mit der sich der vermeintliche Traumprinz wohl im Stillen einen feucht-fröhlichen Großstadtdreier wünscht – vorausgesetzt, er wird vor lauter Entsetzen über die Vorstellung einer Zukunft mit Großstadtblondchen nicht augenblicklich selbst schwul.
Wer Literatur dieser Art bevorzugt, legt das Buch besser schnell wieder hin. Wortraum ist nichts dergleichen, nicht grell, nicht poppig, es gibt keine High-Heels, keine Modemagazine, und Louis Vuitton bleibt einem (Herr im Himmel!) ebenfalls erspart. Was einem nicht erspart bleibt, sind die Schicksale jener, in deren Geschichten irgendwer den 'Resetknopf' gedrückt zu haben scheint, auf brutale, gleichgültige und doch so beherzte Weise, wie nur das Leben selbst es vermag. Oder aber Karina Lotz in Wortraum.
Alles auf Anfang. So hätte der Titel des 99 Seiten umfassenden Bandes ebenfalls lauten können, und statt der explosionsartigen Verschmelzung derbster Pink- und Rosatöne hätte dem glatten kompromisslosen Einband auch ein Blau ausgezeichnet gestanden, ein Tiefseeblau. Tiefsee erscheint als einzelner Begriff gerade treffend, um zu beschreiben, was sich hinter Wortraum tatsächlich verbirgt. Wortraum ist Schwere und Schwerelosigkeit in einem, als würde man in das Herz eines Ozeans katapultiert, der kein Anfang und kein Ende kennt. Man schwebt und steckt doch fest, über einem: unvorstellbare Massen an Wasser, unter einem: alles verschlingende Tiefen, und für einen kurzen Augenblick verspürt man die Anflüge klaustrophobischer Enge und nie gekannter Freiheit gleichermaßen, bevor der dort herrschende Druck den Schädel zerbersten lässt, noch ehe man ertrinkt.
Lotz schreibt nicht, Lotz malt. Sie malt ihre Geschichten, wie ein Kind es vielleicht tun würde, natürlich, verträumt, spielerisch. Sie braucht keinen Pinsel, sie greift gleich zu den Fingerfarben. Ihren Figuren widerfährt das Unbeschreibliche, der Schlag, der Einschnitt, vor dem wir uns alle fürchten („Namenlos“; „Versteinert“; „Ein unerwarteter Fund“), das Zurückgeworfenwerden an jenen Ausgangspunkt, ab dem alles schlechter und alles besser werden kann, sie durchleben den Sisyphusschen Wahnsinn in seiner ursprünglichsten Form („Ortswechsel“ „Versteinert“; „Gebrochenes Herz“; „Die Alterswacht“; „Im Doppelpack“), sie lieben bis zur völligen Selbstaufgabe und darüber hinaus, nur um verlassen zu werden („Symphonie. Ein Märchen“) oder schließen Pakte mit dem Tod selbst („Der Pakt“). Tiefseeblau, eine solche Farbnuance wäre dem Inhalt wirklich gerecht geworden.
Er ist aber nicht tiefseeblau, der Einband, muss man sich harsch ermahnen, um der eigenen Irritation endlich Herr zu werden. Er ist großstadt-high-heel-kindergeburtstagskaugummi-rosa. Er ist louis-vuitton-sekretärinnen-traumprinz-pink. Er ist prosa (PUNKT!), und das eben nicht aus einer instinktiven Laune der Autorin heraus, nein, er ist Ausdruck dieser tänzelnden Leichtigkeit, die über allen Geschichten, ob tragisch, ob gut ausgehend, zu schweben scheint. Er spiegelt das Kind mit den Fingerfarben wider. Wortraum benötigt kein tiefseeblau, weil Wortraum nicht den Anspruch hat, eines dieser literarischen Klagelieder voller larmoyantem Weltschmerz zu werden. Wortraum ist ein glücklicher, bunter, bejahender Schrei hinsichtlich all der schrecklichen Seiten, die das Leben zu bieten hat, es ist ein Ja-sagen zum Scheitern, denn Scheitern ist so natürlich und so herrlich wie das Bild, das das Kind mit seinen Fingerfarben malt, es ist ein Ja-sagen zum Versagen, in einer Zeit, in der jeder Gewinner sein will, es aber nur Verlierer geben kann.

Dana Polz
Im Juli 2016

Rüdiger Jung schreibt:

Erzählungen? Ja, Karina Lotz erzählt. Bekannte Motive erleben neue Variationen: Faust in „Der Pakt” (S. 29 bis 34), Undine in „Symphonie. Ein Märchen” (S. 63 bis 73). Menschlicher Machbarkeitswahn wird ad absurdum geführt: in der rundum kontrollierten „Alterswacht” (S. 49 bis 54) oder – nicht ohne schwarzen Humor – „Im Doppelpack” (S. 93 bis 98). Vieles ist im Wortsinne „fabelhaft”: etwa „Ausgesperrt” (S. 27f). Das Absurde feiert fröhliche Urständ in „Der Schriftsteller” (S. 23 bis 26), wo ein Mensch, der in allem auf Nummer Sicher geht, gerade so in sein Verderben läuft.
Eine submarine Welt spiegelt die irdische – und scheint nicht nur in der bereits erwähnten „Symphonie”, sondern auch im „Ortswechsel” (S. 85 bis 91) auf. Dabei lässt die Autorin bei aller sprachlichen Disziplin ihrer Phantasie und Fabulierfreude freien Lauf. Auch der Traum ist im „WortRaum” enthalten.
Erzählungen? Nirgendwo scheint mir Karina Lotz so sehr bei sich selbst zu sein wie im „Höhenrausch” (S. 35 bis 47). Alles stimmt hier: eine Sprache, die Realität ebenso genau abschreitet wie erfasst. Ein Psychogramm von großer Sogwirkung. Der Realismus, die Genauigkeit spiegelt sich in der Benennung der Topografien. Bereits der Aufbruch des Bergsteigers zuhause hat etwas von Befreiung, Erleichterung, Hintersichlassen. Dem „Schriftsteller” (s.o.) vergleichbar ist auch der Bergsteiger ganz auf seine Sicherheit bedacht. Hinter der Absicherung scheint aber hier weniger die Selbstvorsorge auf als vielmehr das in fast pedantischer Präzision verfolgte Projekt. Dreizehn Seiten Erzählung kristallisieren im letzten Satz: „Als er im Begriff war, seinen Fuß auf den Gipfel zu setzen, ließ er los.” Finale Katastrophe? Nicht unbedingt. Der Schluss ist offen – was nach der vorherigen Engführung nur um so mehr verblüfft. Der Schluss hat nicht nur mit Autorin und Bergsteiger, er hat etwas mit mir als Leser zu tun: Welche Linie kommt denn hier IN MIR ans Ende? Das bereits zuhause begonnene Loslassen – in finaler Konsequenz? Oder eine Absicherung, die ultimativ, ja, gnadenhaft in schlafwandlerische Sicherheit mündet?
Erzählungen? Warum mein Fragezeichen? Weil ich wohl nur die längeren der insgesamt siebzehn Prosatexte hier einordnen würde. Die kürzeren fasse ich eher als „Momentaufnahmen”: ein Moment, in dem die drei „Ekstasen der Zeit” (Martin Heidegger) kulminieren: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Die große Stärke von Karina Lotz ist die Sorgfalt, mit der sie buchstäblich den „WortRaum” durchmisst. Etwa in „Eine Liebeserklärung” (S. 11ff), einem Text, der nicht zuletzt poetologisch brillant ist. Oder in „Versteinert” (S. 17ff), wo Aufatmen und Verzweiflung nahe beisammen sind. Wer den letzten Text „Strandgut eines Dichters” (S. 99) zuerst liest, lernt aufs Konzentrierteste die Sprache kennen, die die Autorin sich und ihm als Kompass anzubieten hat.

Rüdiger Jung
Bad Endbach, 30. Januar 2016